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Jahrbuch macht Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft verständlicher

26. Jahresband des Jahrbuchs „Geschichte im Landkreis Neu-Ulm“ ist erschienen – Elf Aufsätze auf 125 Seiten

Die Herausgabe des Jahrbuches „Geschichte im Landkreis Neu-Ulm“ ist eine gute Tradition. Bereits der 26. Jahresband erscheint heuer, wieder rechtzeitig zu Weihnachten. Aber eines ist doch anders als sonst: Wegen der Corona-Pandemie können Landrat Thorsten Freudenberger sowie die Redaktionsmitglieder und Autorinnen/Autoren den druckfrischen, aktuellen Band zum ersten Mal nicht persönlich im Landratsamt vorstellen. Stattdessen wird die Öffentlichkeit hiermit schriftlich informiert. Alle Verfasserinnen und Verfasser steuerten dazu jeweils eine Kurzzusammenfassung ihres Aufsatzes beziehungsweise ihrer Aufsätze bei.

Die Palette der Beiträge ist wieder ausgesprochen vielfältig. Sie reicht von archäologischen Befunden über kirchen- und klostergeschichtliche Abhandlungen bis zu zeitgeschichtlichen Abrissen aus dem 20. Jahrhundert. Heraussticht ein besonderes Jubiläum: Heuer vor 500 Jahren übernahmen die Vöhlin die Herrschaft über Illertissen. Hans Ranker zeichnet die Illertisser Linie des Memminger Patriziergeschlechts nach.

Ein anderes Herrschergeschlecht, das den heutigen Landkreis Neu-Ulm historisch geprägt hat, sind die Grafen von Kirchberg. Aus ihrem Hauswappen ist die sogenannte „Mohrin“ im Landkreiswappen entlehnt. Zur aktuellen Rassismus-Debatte um schwarze Krippenfiguren (vor allem im Ulmer Münster) und althergebrachte Namensgebungen (zum Beispiel „Hotel Drei Mohren“, „Mohrengasse“) steuert Peter Wischenbarth eine „kritische Betrachtung“ der Wappen-„Mohrin“ bei. Dabei kommt er zu dem Schluss, dass das Wappen des Landkreises „auf keinen Fall“ geändert werden sollte.

Kontroversen gibt es immer wieder auch um Gefallenen-Denkmale. Ralph Manhalter erläutert, wie es im Entstehungsprozess des Kriegerdenkmals Edwin Scharffs auf dem Neu-Ulmer Schwal war.

In seinem zweiten Aufsatz im neuen Jahrbuch widmet sich Manhalter dem dunkelsten Kapitel der deutschen Geschichte und zeigt auf, dass die mörderischen Verbrechen der Nationalsozialisten auch nicht vor dem heutigen Landkreis Neu-Ulm Halt machten. Er beschreibt den Weg der deportierten Altenstadter Juden aus der Marktgemeinde in die Vernichtung.

Bevor es so weit kam, hatten sich Hitler und seine Schergen der unumschränkten Macht bemächtigt. Am Fall Vöhringen deckt Monika Kolb auf, wie die Nazis die kommunale Selbstverwaltung in den Jahren 1933 bis 1935 ausschalteten. Im Kontrast dazu schildert sie, dass nach dem Krieg vom „roten Vöhringen“ die Rede war.

Elchingen und Roggenburg waren und sind dagegen „schwarze“ Hochburgen. Das liegt auch daran, dass beide heutigen Gemeinden lange Zeit katholische Reichsabteien waren. Anton Aubele beleuchtet das nachbarliche Verhältnis der beiden Klosterstaaten im 18. Jahrhundert.

Interessante Geschichten aus der reichen Geschichte des Klosters Elchingen erzählen auch Pfarrer Thomas Pfundner („Marksteine und Territorialgrenzen der Reichsabtei Elchingen“) und Klara Aubele, die „Kräuter und andere gewinnbringende Gewächse rund um Elchingen zur Klosterzeit“ auftischt. Wissenswertes über die katholischen Kirchen in Vöhringen erhellt Jeanette Wischenbarth.

Archäologische Dokumentationen runden das Jahrbuch wieder ab. Der langjährige Kreisarchäologe Richard Ambs, der in diesem Jahr sein Amt an seinen fachlichen Ziehsohn, Stefan Reuter, abgab, beschreibt einen Fund eines Sondengängers auf einem Acker bei Kellmünz. Dabei handele es sich um eine silberne Miniaturfibel aus dem 5. bis 7. Jahrhundert n. Chr.

Durch andere archäologische Artefakte, die Fabian Hopfenzitz im Umfeld des Vöhringer Kindergartens Rappelkiste zu Tage förderte, werde – so schreibt er in seinem Aufsatz – „die Siedlungsstruktur von ‚Ur‘-Vöhringen nun immer verständlicher“.

Zum besseren Verständnis vergangener Zeiten, Personen und Ereignisse, aber auch der Gegenwart und Zukunft trage die gesamte Jahrbuch-Reihe bei, würdigte Landrat Thorsten Freudenberger. „Die Heimatforscher und Historiker, die darin publiziert haben, beantworten elementare Fragen: Woher kommen wir? Worauf können wir aufbauen? Welche Lehren können wir aus der Geschichte ziehen?“

Der Jahresband 2020 des Jahrbuchs „Geschichte im Landkreis Neu-Ulm“ ist erhältlich an der Kasse im Landratsamt Neu-Ulm und im Buchhandel. Außerdem kann die Publikation, die elf Aufsätze auf 125 Seiten enthält, per E-Mail bestellt werden: poststelle@lra.neu-ulm.de. Der Stückpreis beträgt seit vielen Jahren unverändert 10 Euro. Die Auflage beträgt 1.200 Exemplare. Der Landkreis hat auch dieses Mal wieder das Geld für den Druck des Jahrbuches zur Verfügung gestellt. Die Autoren und Redakteure arbeiten alle ehrenamtlich.


Die Aufsätze in der Kurzusammenfassung ihrer Autorinnen und Autoren:

Fabian Hopfenzitz

Ausgrabungen unterm Spielplatz – archäologische Befunde im Umfeld
des Kindergartens Rappenkiste in Vöhringen

Entlang der Schotterterrassen des Illertals reiht sich hier eine Vielzahl an archäologisch nachgewiesenen vorgeschichtlichen, römischen und frühmittelalterlichen Siedlungsstellen. Im späten Mittelalter und der frühen Neuzeit gehen die Territorien vermehrt an reiche Kaufleute wie die Fugger und Vöhlin über. In der Neuzeit sind der Ausbau der Verkehrsverbindung in Zusammenhang mit der Begradigung der Iller Ausgangspunkt für eine weitreichende Industrialisierung im Illertal, in deren Zug sich die ursprüngliche Siedlungsbild stark veränderte. So sind an vielen Stellen die erhaltenen Relikte im Boden einziger Beleg und Hinweis auf die Ursprünge und die Wurzeln einzelner Dörfer, Märkte beziehungsweise Städte und ihrer Bewohner.

Auch in und um Vöhringen sind diverse solcher Bodendenkmäler bekannt. Bei Baumaßnahmen und deren archäologischer Begleitung kommen hier immer wieder interessante Befunde ans Tageslicht. Im Zuge zweier Baumaßnahmen östlich der Bahntrasse in Vöhringen gelang auf diesem Wege in den letzten Jahren der Nachweis einer Besiedlung, die bis in vorchristliche Zeit zurückreicht. Das Grabungsteam um Fabian Hopfenzitz M.A. von der Firma Ausgrabungen Specht konnte beim Umbau des Kindergarten Rappelkiste 2018 und einem Neubau eines Einfamilienhauses 2019 in direkter Nachbarschaft ein ausgedehntes Siedlungsareal aufdecken. So wird die Siedlungsstruktur von „Ur“-Vöhringen nun immer verständlicher.

Die von Erosionsrinnen durchzogene Flussterrasse war schon mindestens ab dem ersten vorchristlichen Jahrtausend besiedelt. Eine mittelalterliche Besiedlung des 11. bis 13. Jahrhunderts n. Chr. erstreckte sich entlang der Altstraße nach Weißenhorn (Thaler Weg). Die gehöftartigen Einheiten aus Wohnhäusern und Wirtschaftsgebäuden wurden offenbar im Generationenrhythmus neu errichtet und die Standorte verlagert.


Richard Ambs

Eine silberne Miniaturfibel auf einem Kellmünzer Acker

2017 fand ein Sondengänger auf einem Acker bei Kellmünz unter anderem eine fragmentierte silberne Miniaturfibel. Diese Fibel, eine sogenannte Bügelfibel ‚Nordischen Typs‘, hat eine rhombische Fußplatte, einen gewölbten Bügel und eine einst rechteckige Kopfplatte, von der ein Stück abgebrochen ist. Das Fibelfragment hat eine Restlänge von 3,65 cm und ist maximal  1 cm breit. Die Miniaturfibel wurde entweder von einem Kind vermögender Eltern getragen oder mit ins Grab gegeben. Datiert werden diese Fibeln in das 5. – 7. Jahrhundert n. Chr. 

Es bleiben noch eine Reihe von Fragen unbeantwortet: Ist die Fibel von der jungen Trägerin verloren worden? Ist diese Fibel Teil einer kindlichen Bestattung? Liegt die zweite, der stets paarweise getragenen Fibeln noch bei der Toten im Boden?

Zwei wesentlich größere Fibeln dieses Typs wurden im Herbst 1991 in der Illertissener Apothekerstraße geborgen. Diese Fibeln waren reich verziert; die Länge betrug 11 cm, die Breite 6 cm.


Hans Ranker

Vor 500 Jahren übernahmen die Vöhlin die Herrschaft Illertissen

Die Memminger Vöhlin sind eines der bekanntesten oberdeutschen Geschlechter. Sie sind aus dem Bodenseeraum, dem wichtigsten Handelszentrum des Hochmittelalters im südwestdeutschen und eidgenössischen Raum, nach Memmingen eingewandert. Später teilte sich die Familie in die Frickenhauser und Ungerhauser Linie auf. Für Illertissen ist die erstere entscheidend.

Die sichere Stammreihe der Frickenhauser Linie beginnt mit Conrad Vöhlin in der ersten Hälfte des 15. Jahrhunderts. Die durch den Handel sehr vermögend gewordenen Patrizier begannen ihr Kapital in Grundbesitz anzulegen. Dessen Enkel, Erhard II. kaufte 1520 den Markt Illertissen für 34.000 Gulden von Schweighart von Gundelfingen.

Im Kaufpreis enthalten waren auch die Dörfer Tiefenbach, Jedesheim und Betlinshausen. Ebenso erhielt er Patronatsrechte der Pfarreien zu Vöhringen und Jedesheim, Tiefenbach und Betlinshausen, die Kaplaneien zu Tiefenbach und zum Illertisser Schloss. Als Datum des Kaufs wird meist angegeben: Montag nach St. Lucien, also am 17. Dezember 1520. Zur Festigung seiner Herrschaft erhielt Erhard von Kaiser Karl V. die Bestätigung der Blutgerichtsbarkeit und andere Privilegien, wie die Bewilligung eines Wochenmarktes und zweier Jahrmärkte.

Hier fand ein „Mentalitätswandel“ statt. Angehörige der städtischen Elite verlagerten ihren Lebensmittelpunkt von der Stadt auf das Land und gingen in der jüngeren Generation Ehen mit dem Adel ein, so zum Beispiel die Heirat der Vöhlintochter Maria Juliane mit Graf Fugger zu Weißenhorn.

Sitz der Herrschaft und Symbol seiner neuen Stellung wurde die Burg Illertissen, deren wesentliche Teile er 1526 bis 1529 errichten ließ. Nach dem Brand im Jahr 1549 baute er es wieder auf. Die früheren Landsitze der Vöhlin in den Dörfern Frickenhausen und Ungerhausen waren noch bescheidene Anlagen, so dass sie später als Pfarrhäuser verwendet werden konnten. Erhard II. hingegen führte in Illertissen einen beachtlichen repräsentativen Schlossbau auf.

Mit dem Kauf 1520 beginnt die 36-jährige Herrschaft der Vöhlin über Illertissen, sichtbar durch das imponierende Schloss, eines der größten in Schwaben. Dadurch wurde der Markt zu einem wirklichen Herrschaftssitz.


Thomas Pfundner

Marksteine und Territorialgrenzen der Reichsabtei Elchingen

Eine Spurensuche nach Marksteinen der Reichsabtei Elchingen sowie dem genauen Verlauf der Territorialgrenzen des Klosterstaates erfordert viel Geduld mit weit verstreuten historischen Mosaiksteinen.

Von den Marksteinen haben sich nur im ehemaligen Amt Tomerdingen einige an Ort und Stelle erhalten, im Oberamt Elchingen lediglich einige Zufallsfunde in Privatbesitz. 20 Fotos dieser Steine, sowie wichtiges Kartenmaterial werden im Beitrag abgebildet.

Durch den veränderten Donaulauf, Straßen- und Autobahnbau, Siedlungs- und Bautätigkeit entstanden weitreichende Veränderungen im Gelände. Die Dokumente des Klosters verteilen sich heute auf mehrere Archive sowie auf die beiden Bundesländer Bayern und Baden-Württemberg.

Der Weg zur Landeshoheit des Elchinger Territoriums war sehr mühsam und kam erst 1774 zum Abschluss, nur rund drei Jahrzehnte vor Ende des Alten Reiches (1806) und der Auflösung des Klosterstaates.

Das Elchinger Gebiet des Amtes Tomerdingen lag wie eine große Insel umschlossen vom Territorium der Reichsstadt Ulm. In den Grenzakten von 1788 werden 300 Marksteine auf der gesamten Grenzlinie aufgeführt. Die Steine sind bezeichnet mit V für die Reichsstadt Ulm auf der einen Seite und auf der anderen mit E samt einem Abtstab für die Reichsabtei Elchingen. Auf einigen Steinen sind auch noch Spuren eingehauener Nummern erkennbar.

Die Grenze für das Kerngebiet des Klosters der Gemarkungen Thalfingen und Oberelchingen hat sich nordwestlich und nördlich der Donau in der Landesgrenze zwischen Baden-Württemberg und Bayern erhalten. Der Grenzverlauf führt auch durch die Gaststube der heutigen Raststätte Seligweiler hindurch, der Bodenbelag ist eigens markiert.

Erhalten haben sich aus dem Gebiet zwischen Ober- und Unterelchingen unter anderem zwei Steine, jeweils mit Abtstab über dem E (Elchingen) auf der einen und Abtstab über einem S (Salem) auf der anderen Seite. All dies sind die letzten Überreste der ehemaligen Vielfalt kleiner, selbständiger Territorien.


Peter Wischenbarth

Die Mohrin im Wappen des Landkreises Neu-Ulm - Eine kritische Betrachtung

In einer heraldisch-geschichtlichen Untersuchung wird das Thema der Mohrin im Landkreiswappen beziehungsweise bei den Grafen von Kirchberg kritisch aufgegriffen.

Über eine Analyse der Wappensymbole für den Zeitraum vom 11. bis 18. Jahrhundert wird die Darstellung einer Frauengestalt im Besonderen berücksichtigt. Von zentraler Aussagekraft ist die vermehrte dunkle Hautfarbe der Wappenfigur. Sie führte schon bald nach Absterben des Kirchberger Herrschergeschlechts zur Benennung als „Mohrin“. Selbst bei der Wappenbeschreibung des Wappens für den Landkreis Neu-Ulm im Jahre 1966 wurde diese Benennung mit übernommen und findet sich nun in jüngster Zeit inmitten der allgemeinen Mohrendiskussion.

Die Untersuchungsergebnisse zeigen auf, dass es sich bei der Wappenfigur um die Jungfrau Maria handelt und auch die verschiedenen Ausgestaltungen der Kirchberger Siegel und Wappen immer in engem Bezug zur Marienverehrung stehen und somit für die Grafenherrschaft eine tief religiöse Bindung verraten. Selbst die dunkle Kolorierung der Wappenfrau könnte hierauf zurückzuführen sein oder ist schlichtweg nur eine heraldisch durchaus erlaubte Spielversion.

Sicherlich handelt es sich aber nicht um eine Mohrin, weswegen diese spektakuläre Benennung seit der Renaissancezeit als völlig falsch zu bewerten ist und bis heute sozusagen als „Folgefehler“ übernommen wurde. Die Jungfrau Maria läuft seit dem 11. Jahrhundert konsequent als zentrale Figur des Kirchberger Wappens der Hauptlinie durch. Nebenlinien des Geschlechtes hatten abgewandelte oder gänzlich andere Wappendarstellungen.

In Bezug auf die derzeitig völlig überzogene Mohrendiskussion ist festzuhalten, dass die „Mohrin“ im Wappen des Landkreises auf keinen Fall eine Mohrin darstellt und deswegen auch nicht über eine Abänderung des Wappens nachgedacht werden darf. Bei den Mohrendiskussionen sollte sowieso dringend zwischen politischer und geschichtlicher Betrachtung des Mohren unterschieden werden.


Jeannette Wischenbarth

Wissenswertes über die katholischen Kirchen in Vöhringen

Als Vöhringer Bürgerin erfährt die Autorin unter anderem auch bei Gesprächen mit der Bevölkerung immer wieder ortsgeschichtlich Interessantes. Diesem Repertoire entstammen auch die hier vorgestellten Dinge der Vöhringer Kirchen.

Nach dem Kunsthistoriker Heinrich Habel gilt als ältester Teil der Vöhringer Marienkirche das Turmerdgeschoss, aufgebaut aus Kalksteinquadern. Es dürfte ins 13. Jahrhundert datieren. Der weitere Turmaufbau war dann ursprünglich in unverputzter Ziegelbauweise ausgeführt. Allgemein beginnt in Deutschland der Backsteinbau im 12. Jahrhundert. Mit seinen architektonischen Verzierungselementen und der Sichtziegelbauweise stellte somit die Marienkirche einst im alten Landkreis Illertissen sogar die schönste Kirche dar. Der Sichtziegelturm erhielt dann in den 1970er-Jahren leider einen Farbanstrich und verlor dadurch seine Originalität.

Habel datierte den Turmaufbau „um 1500“. Aus einer kleinen und recht unauffälligen Zeitungsnachricht vom Jahre 1959 erfährt man jedoch, dass damals der hölzerne Glockenstuhl der Kirche ausgebaut und durch eine eiserne Konstruktion ersetzt wurde. In einem der alten Hölzer fand man die Einritzung der Jahreszahl „1338“. Damit kann man nun mit Sicherheit den Turmbau durch den jetzt vorliegenden terminus ante quem in die frühe Spätgotik datieren. Leider schenkte man offenbar in der Kirchenverwaltung dem doch sehr wertvollen Holzbalkenfund wenig Interesse. Das Stück wanderte, nach Angabe der Zeitungsmeldung, in einen „neuen Kirchenkeller“. Heute gilt der Fund als verschollen.

Die Marienkirche besitzt außerdem noch ein allgemein wenig beachtetes Kleinod, welches gut sichtbar an der Ostflanke des Turmes aufgemalt ist. Es ist ein Fresko des Vöhringer Malers Oskar Ficker und mahnt mit seiner Umschrift an die Todesstunde eines jeden.

Auch die erst 1914 erbaute Michaelskirche birgt ein historisches Zeugnis. Innen im oberen Kirchturm befindet sich eine Mauernische mit einem Eisengitter, auf welchem „1945“ steht. Die in dem Hohlraum stehenden Granatteile erinnern nämlich an den amerikanischen Beschuss der Kirche im April 1945.


Anton Aubele

Die ehemaligen Klöster Elchingen und Roggenburg. Ein Blick auf ihr nachbarliches
Verhältnis im 18. Jahrhundert

Die Beschäftigung mit der Klostergeschichte von Elchingen hat die Aufmerksamkeit des Verfassers verschiedentlich auch auf das Nachbarkloster Roggenburg gelenkt. Im heutigen Gebiet des Landkreises Neu-Ulm bildeten die beiden Prälatenklöster früher jeweils ein wichtiges religiöses, politisches und kulturelles Zentrum, das das Leben in ihren Klosterstaaten und darüber hinaus prägte. Die Beziehungen zwischen den Benediktinern in Elchingen und den Prämonstratensern in Roggenburg waren durch Freundschaft und gegenseitige Hilfsbereitschaft gekennzeichnet. Diese betreffen den Schul- und Bildungsbereich, den Austausch von Predigern bei besonderen Anlässen und regelmäßige gegenseitige Besuche. Einige Beispiele aus dem 18. Jahrhundert belegen das gute nachbarliche Verhältnis.


Klara Aubele

Die Rolle von Kräutern und anderen Gewächsen für das Kloster Elchingen

Obwohl Kräuter in der Klostermedizin, so auch in Elchingen, eine wichtige Rolle gespielt haben, erfahren wir darüber nur wenig. Der Aufsatz beschäftigt sich mit einer kurzen überlieferten Zusammenstellung der „Kräuter und Gewächse, so allhier an der Donau einheimisch wachsen und auswerts als eine waar gesucht […] sind“. Darin erwähnt werden lediglich zehn Heilkräuter und Gewächse und die Orte, wo diese um das Kloster herum wachsen. Über die Verwendung der Pflanzen wird allerdings kaum etwas gesagt, deshalb wird deren früherer Einsatz als Heilkräuter oder zu anderen Zwecken allgemein erläutert. Ergänzt wird der Text um eine zeitgenössische Karte mit der Einzeichnung der ungefähren Fundorte dieser Pflanzen.


Ralph Manhalter

Eine Stele für die Gefallenen zur Ehre und den Hinterbliebenen zur Mahnung

Die Weimarer Republik ließ eine Vielzahl von Motiven und Formen bei der Konzeption ihrer Gefallenendenkmäler zu. Die Auftraggeber entschieden in aller Regel über die plastische Gestaltung der Ehrenmale und somit ihrer intendierten Botschaft an die Betrachter. Oftmals war es jedoch ein langer Prozess, den ein projektiertes Denkmal bis zur Errichtung zu durchlaufen hatte. Viele verschiedene, auch mitunter stark divergierende Positionen galt es zu berücksichtigen um dann - im idealen Fall - zu einem gemeinsamen Kompromiss zu finden.

Im Fokus der Untersuchung steht das Ehrenmal Edwin Scharffs in Neu-Ulm. Hier existierten im Vergleich zu anderen Orten diese auseinandertriftenden Kräfte nicht in dem Maße, dass dadurch das Projekt eines Gefallenendenkmals eine wesentliche Verzögerung erfuhr. Zwar beanspruchte der Planungsprozess mehrere Jahre, dies war jedoch in erster Linie der Motivsuche geschuldet, welche einen deutlichen Gesinnungswandel weg von waffenstrotzender Verteidigungsdemonstration hin zu einer Manifestierung von Trauer darstellt. Hierbei wurden die Entwürfe Scharffs gesichtet und im Konsens mit vergleichbaren Werken anderer renommierter Künstler einer zeitgenössischen Bewertung unterzogen.


Ralph Manhalter

Von Altenstadt in die Vernichtung – Der letzte Weg der deportierten Juden aus der Marktgemeinde

Altenstadt beherbergte bis in die Zeit des Nationalsozialismus die größte Ansiedlung von Juden im heutigen Landkreis Neu-Ulm. Die zuletzt noch verbliebenen Einwohner jüdischen Glaubens wurden 1942 im Rahmen der Beschlüsse der sogenannten Wannseekonferenz in ihren Häusern verhaftet und in Vernichtungslager deportiert.

Diesen Weg versuche ich anhand von verfügbaren Dokumentationslisten so weit wie möglich nachzuzeichnen. Die Auflistung der Transporte erscheint dabei systematisch und durchorganisiert, wobei es gerade diese Akribie ist, welche heute noch befremdet. Die Skizzierung des Leidensweges kann jedoch leider bis auf eine Person nicht zu Ende geführt werden. Der allerletzte Gang verbleibt somit lediglich als Mutmaßung.


Monika Kolb

Die Ausschaltung der kommunalen Selbstverwaltung in Vöhringen im Nationalsozialismus und der politische Neubeginn ab 1945

Am 27. Januar 1946 fanden in Vöhringen, wie in allen Gemeinden Bayerns unter 20 000 Einwohnern, die ersten demokratischen Kommunalwahlen seit 1929 statt. Im Jahr 2021 jährt sich dieses Ereignis zum 75. Mal, was den Anlass dazu gab, zum einen den Blick auf den politischen Neubeginn in Vöhringen nach 1945 zu werfen, zum anderen aber auch einen Blick zurück auf die Jahre zwischen 1933 und 1935 zu richten. In diesem Zeitraum wurden die letzten Reste der Demokratie beseitigt und der nationalsozialistische Einparteienstaat ohne nennenswerten Widerstand errichtet.

Besonders anschaulich wird diese Entwicklung anhand der Ergebnisse der Vöhringer Gemeindewahlen, einer Gemeinde, die sich seit der Ansiedlung der Wieland-Werke im Jahr 1864 und durch den Zuzug von Arbeitern zu einer „Arbeitergemeinde“ entwickelt hatte. Seit 1924 gehörten in Vöhringen fünf beziehungsweise vier Räte des insgesamt zwölf Mitglieder zählenden Gemeinderates der Sozialdemokratischen Partei (SPD) an. Dies brachte der Gemeinde Vöhringen im ländlich geprägten Landkreis Illertissen schon damals den Ruf einer „roten“ Gemeinde ein.

Als die Nationalsozialisten im Jahr 1933 an die Macht kamen, wurde nach dem „Gleichschaltungsgesetz“ vom 31. März 1933 unter anderem auch der Gemeinderat aufgelöst. Nach dessen Neubildung am 24. April 1933 erhielten in Vöhringen noch sechs Vertreter der NSDAP und vier Vertreter der Bayerischen Volkspartei (BVP) einen Sitz im Gemeinderat. Die SPD hatte zu dieser Wahl, die im eigentlichen Sinne schon keine demokratische Wahl mehr war, erst keinen Wahlvorschlag mehr eingereicht. Bereits im Juli 1933 sahen sich die vier Vertreter der BVP gezwungen zurückzutreten, womit sich künftig der Gemeinderat nur noch aus Mitgliedern der NSDAP zusammensetzte.

Nach dem Zweiten Weltkrieg knüpften die Vöhringer Wählerinnen und Wähler an ihre „rote“ Tradition an. Bei der Gemeinderatswahl vom 27. Januar 1946 erhielt die SPD fünf Sitze, die CSU drei und die KPD ebenfalls drei Sitze. Mit dazu beigetragen, dass Vöhringen den Beinamen „rote Zelle“ erhielt, hat sicherlich auch der Umstand, dass Josef Dürr, der bei der Gemeinderatswahl auf der Liste der Kommunistischen Partei kandidiert hatte, 1946 vom neuen Gemeinderat zum Bürgermeister gewählt worden war. Dürrs Persönlichkeit und seine beachtlichen Verdienste in dieser schwierigen Zeit hatten die Vöhringer Bürger überzeugt, so dass er auch bei den Bürgermeisterwahlen 1948, 1952, 1956 und 1960 stets den größten Stimmenanteil erringen konnte.

© Martina Plaschke E-Mail

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Jahrbuch macht Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft verständlicher

26. Jahresband des Jahrbuchs „Geschichte im Landkreis Neu-Ulm“ ist erschienen – Elf Aufsätze auf 125 Seiten

Die Herausgabe des Jahrbuches „Geschichte im Landkreis Neu-Ulm“ ist eine gute Tradition. Bereits der 26. Jahresband erscheint heuer, wieder rechtzeitig zu Weihnachten. Aber eines ist doch anders als sonst: Wegen der Corona-Pandemie können Landrat Thorsten Freudenberger sowie die Redaktionsmitglieder und Autorinnen/Autoren den druckfrischen, aktuellen Band zum ersten Mal nicht persönlich im Landratsamt vorstellen. Stattdessen wird die Öffentlichkeit hiermit schriftlich informiert. Alle Verfasserinnen und Verfasser steuerten dazu jeweils eine Kurzzusammenfassung ihres Aufsatzes beziehungsweise ihrer Aufsätze bei.

Die Palette der Beiträge ist wieder ausgesprochen vielfältig. Sie reicht von archäologischen Befunden über kirchen- und klostergeschichtliche Abhandlungen bis zu zeitgeschichtlichen Abrissen aus dem 20. Jahrhundert. Heraussticht ein besonderes Jubiläum: Heuer vor 500 Jahren übernahmen die Vöhlin die Herrschaft über Illertissen. Hans Ranker zeichnet die Illertisser Linie des Memminger Patriziergeschlechts nach.

Ein anderes Herrschergeschlecht, das den heutigen Landkreis Neu-Ulm historisch geprägt hat, sind die Grafen von Kirchberg. Aus ihrem Hauswappen ist die sogenannte „Mohrin“ im Landkreiswappen entlehnt. Zur aktuellen Rassismus-Debatte um schwarze Krippenfiguren (vor allem im Ulmer Münster) und althergebrachte Namensgebungen (zum Beispiel „Hotel Drei Mohren“, „Mohrengasse“) steuert Peter Wischenbarth eine „kritische Betrachtung“ der Wappen-„Mohrin“ bei. Dabei kommt er zu dem Schluss, dass das Wappen des Landkreises „auf keinen Fall“ geändert werden sollte.

Kontroversen gibt es immer wieder auch um Gefallenen-Denkmale. Ralph Manhalter erläutert, wie es im Entstehungsprozess des Kriegerdenkmals Edwin Scharffs auf dem Neu-Ulmer Schwal war.

In seinem zweiten Aufsatz im neuen Jahrbuch widmet sich Manhalter dem dunkelsten Kapitel der deutschen Geschichte und zeigt auf, dass die mörderischen Verbrechen der Nationalsozialisten auch nicht vor dem heutigen Landkreis Neu-Ulm Halt machten. Er beschreibt den Weg der deportierten Altenstadter Juden aus der Marktgemeinde in die Vernichtung.

Bevor es so weit kam, hatten sich Hitler und seine Schergen der unumschränkten Macht bemächtigt. Am Fall Vöhringen deckt Monika Kolb auf, wie die Nazis die kommunale Selbstverwaltung in den Jahren 1933 bis 1935 ausschalteten. Im Kontrast dazu schildert sie, dass nach dem Krieg vom „roten Vöhringen“ die Rede war.

Elchingen und Roggenburg waren und sind dagegen „schwarze“ Hochburgen. Das liegt auch daran, dass beide heutigen Gemeinden lange Zeit katholische Reichsabteien waren. Anton Aubele beleuchtet das nachbarliche Verhältnis der beiden Klosterstaaten im 18. Jahrhundert.

Interessante Geschichten aus der reichen Geschichte des Klosters Elchingen erzählen auch Pfarrer Thomas Pfundner („Marksteine und Territorialgrenzen der Reichsabtei Elchingen“) und Klara Aubele, die „Kräuter und andere gewinnbringende Gewächse rund um Elchingen zur Klosterzeit“ auftischt. Wissenswertes über die katholischen Kirchen in Vöhringen erhellt Jeanette Wischenbarth.

Archäologische Dokumentationen runden das Jahrbuch wieder ab. Der langjährige Kreisarchäologe Richard Ambs, der in diesem Jahr sein Amt an seinen fachlichen Ziehsohn, Stefan Reuter, abgab, beschreibt einen Fund eines Sondengängers auf einem Acker bei Kellmünz. Dabei handele es sich um eine silberne Miniaturfibel aus dem 5. bis 7. Jahrhundert n. Chr.

Durch andere archäologische Artefakte, die Fabian Hopfenzitz im Umfeld des Vöhringer Kindergartens Rappelkiste zu Tage förderte, werde – so schreibt er in seinem Aufsatz – „die Siedlungsstruktur von ‚Ur‘-Vöhringen nun immer verständlicher“.

Zum besseren Verständnis vergangener Zeiten, Personen und Ereignisse, aber auch der Gegenwart und Zukunft trage die gesamte Jahrbuch-Reihe bei, würdigte Landrat Thorsten Freudenberger. „Die Heimatforscher und Historiker, die darin publiziert haben, beantworten elementare Fragen: Woher kommen wir? Worauf können wir aufbauen? Welche Lehren können wir aus der Geschichte ziehen?“

Der Jahresband 2020 des Jahrbuchs „Geschichte im Landkreis Neu-Ulm“ ist erhältlich an der Kasse im Landratsamt Neu-Ulm und im Buchhandel. Außerdem kann die Publikation, die elf Aufsätze auf 125 Seiten enthält, per E-Mail bestellt werden: poststelle@lra.neu-ulm.de. Der Stückpreis beträgt seit vielen Jahren unverändert 10 Euro. Die Auflage beträgt 1.200 Exemplare. Der Landkreis hat auch dieses Mal wieder das Geld für den Druck des Jahrbuches zur Verfügung gestellt. Die Autoren und Redakteure arbeiten alle ehrenamtlich.


Die Aufsätze in der Kurzusammenfassung ihrer Autorinnen und Autoren:

Fabian Hopfenzitz

Ausgrabungen unterm Spielplatz – archäologische Befunde im Umfeld
des Kindergartens Rappenkiste in Vöhringen

Entlang der Schotterterrassen des Illertals reiht sich hier eine Vielzahl an archäologisch nachgewiesenen vorgeschichtlichen, römischen und frühmittelalterlichen Siedlungsstellen. Im späten Mittelalter und der frühen Neuzeit gehen die Territorien vermehrt an reiche Kaufleute wie die Fugger und Vöhlin über. In der Neuzeit sind der Ausbau der Verkehrsverbindung in Zusammenhang mit der Begradigung der Iller Ausgangspunkt für eine weitreichende Industrialisierung im Illertal, in deren Zug sich die ursprüngliche Siedlungsbild stark veränderte. So sind an vielen Stellen die erhaltenen Relikte im Boden einziger Beleg und Hinweis auf die Ursprünge und die Wurzeln einzelner Dörfer, Märkte beziehungsweise Städte und ihrer Bewohner.

Auch in und um Vöhringen sind diverse solcher Bodendenkmäler bekannt. Bei Baumaßnahmen und deren archäologischer Begleitung kommen hier immer wieder interessante Befunde ans Tageslicht. Im Zuge zweier Baumaßnahmen östlich der Bahntrasse in Vöhringen gelang auf diesem Wege in den letzten Jahren der Nachweis einer Besiedlung, die bis in vorchristliche Zeit zurückreicht. Das Grabungsteam um Fabian Hopfenzitz M.A. von der Firma Ausgrabungen Specht konnte beim Umbau des Kindergarten Rappelkiste 2018 und einem Neubau eines Einfamilienhauses 2019 in direkter Nachbarschaft ein ausgedehntes Siedlungsareal aufdecken. So wird die Siedlungsstruktur von „Ur“-Vöhringen nun immer verständlicher.

Die von Erosionsrinnen durchzogene Flussterrasse war schon mindestens ab dem ersten vorchristlichen Jahrtausend besiedelt. Eine mittelalterliche Besiedlung des 11. bis 13. Jahrhunderts n. Chr. erstreckte sich entlang der Altstraße nach Weißenhorn (Thaler Weg). Die gehöftartigen Einheiten aus Wohnhäusern und Wirtschaftsgebäuden wurden offenbar im Generationenrhythmus neu errichtet und die Standorte verlagert.


Richard Ambs

Eine silberne Miniaturfibel auf einem Kellmünzer Acker

2017 fand ein Sondengänger auf einem Acker bei Kellmünz unter anderem eine fragmentierte silberne Miniaturfibel. Diese Fibel, eine sogenannte Bügelfibel ‚Nordischen Typs‘, hat eine rhombische Fußplatte, einen gewölbten Bügel und eine einst rechteckige Kopfplatte, von der ein Stück abgebrochen ist. Das Fibelfragment hat eine Restlänge von 3,65 cm und ist maximal  1 cm breit. Die Miniaturfibel wurde entweder von einem Kind vermögender Eltern getragen oder mit ins Grab gegeben. Datiert werden diese Fibeln in das 5. – 7. Jahrhundert n. Chr. 

Es bleiben noch eine Reihe von Fragen unbeantwortet: Ist die Fibel von der jungen Trägerin verloren worden? Ist diese Fibel Teil einer kindlichen Bestattung? Liegt die zweite, der stets paarweise getragenen Fibeln noch bei der Toten im Boden?

Zwei wesentlich größere Fibeln dieses Typs wurden im Herbst 1991 in der Illertissener Apothekerstraße geborgen. Diese Fibeln waren reich verziert; die Länge betrug 11 cm, die Breite 6 cm.


Hans Ranker

Vor 500 Jahren übernahmen die Vöhlin die Herrschaft Illertissen

Die Memminger Vöhlin sind eines der bekanntesten oberdeutschen Geschlechter. Sie sind aus dem Bodenseeraum, dem wichtigsten Handelszentrum des Hochmittelalters im südwestdeutschen und eidgenössischen Raum, nach Memmingen eingewandert. Später teilte sich die Familie in die Frickenhauser und Ungerhauser Linie auf. Für Illertissen ist die erstere entscheidend.

Die sichere Stammreihe der Frickenhauser Linie beginnt mit Conrad Vöhlin in der ersten Hälfte des 15. Jahrhunderts. Die durch den Handel sehr vermögend gewordenen Patrizier begannen ihr Kapital in Grundbesitz anzulegen. Dessen Enkel, Erhard II. kaufte 1520 den Markt Illertissen für 34.000 Gulden von Schweighart von Gundelfingen.

Im Kaufpreis enthalten waren auch die Dörfer Tiefenbach, Jedesheim und Betlinshausen. Ebenso erhielt er Patronatsrechte der Pfarreien zu Vöhringen und Jedesheim, Tiefenbach und Betlinshausen, die Kaplaneien zu Tiefenbach und zum Illertisser Schloss. Als Datum des Kaufs wird meist angegeben: Montag nach St. Lucien, also am 17. Dezember 1520. Zur Festigung seiner Herrschaft erhielt Erhard von Kaiser Karl V. die Bestätigung der Blutgerichtsbarkeit und andere Privilegien, wie die Bewilligung eines Wochenmarktes und zweier Jahrmärkte.

Hier fand ein „Mentalitätswandel“ statt. Angehörige der städtischen Elite verlagerten ihren Lebensmittelpunkt von der Stadt auf das Land und gingen in der jüngeren Generation Ehen mit dem Adel ein, so zum Beispiel die Heirat der Vöhlintochter Maria Juliane mit Graf Fugger zu Weißenhorn.

Sitz der Herrschaft und Symbol seiner neuen Stellung wurde die Burg Illertissen, deren wesentliche Teile er 1526 bis 1529 errichten ließ. Nach dem Brand im Jahr 1549 baute er es wieder auf. Die früheren Landsitze der Vöhlin in den Dörfern Frickenhausen und Ungerhausen waren noch bescheidene Anlagen, so dass sie später als Pfarrhäuser verwendet werden konnten. Erhard II. hingegen führte in Illertissen einen beachtlichen repräsentativen Schlossbau auf.

Mit dem Kauf 1520 beginnt die 36-jährige Herrschaft der Vöhlin über Illertissen, sichtbar durch das imponierende Schloss, eines der größten in Schwaben. Dadurch wurde der Markt zu einem wirklichen Herrschaftssitz.


Thomas Pfundner

Marksteine und Territorialgrenzen der Reichsabtei Elchingen

Eine Spurensuche nach Marksteinen der Reichsabtei Elchingen sowie dem genauen Verlauf der Territorialgrenzen des Klosterstaates erfordert viel Geduld mit weit verstreuten historischen Mosaiksteinen.

Von den Marksteinen haben sich nur im ehemaligen Amt Tomerdingen einige an Ort und Stelle erhalten, im Oberamt Elchingen lediglich einige Zufallsfunde in Privatbesitz. 20 Fotos dieser Steine, sowie wichtiges Kartenmaterial werden im Beitrag abgebildet.

Durch den veränderten Donaulauf, Straßen- und Autobahnbau, Siedlungs- und Bautätigkeit entstanden weitreichende Veränderungen im Gelände. Die Dokumente des Klosters verteilen sich heute auf mehrere Archive sowie auf die beiden Bundesländer Bayern und Baden-Württemberg.

Der Weg zur Landeshoheit des Elchinger Territoriums war sehr mühsam und kam erst 1774 zum Abschluss, nur rund drei Jahrzehnte vor Ende des Alten Reiches (1806) und der Auflösung des Klosterstaates.

Das Elchinger Gebiet des Amtes Tomerdingen lag wie eine große Insel umschlossen vom Territorium der Reichsstadt Ulm. In den Grenzakten von 1788 werden 300 Marksteine auf der gesamten Grenzlinie aufgeführt. Die Steine sind bezeichnet mit V für die Reichsstadt Ulm auf der einen Seite und auf der anderen mit E samt einem Abtstab für die Reichsabtei Elchingen. Auf einigen Steinen sind auch noch Spuren eingehauener Nummern erkennbar.

Die Grenze für das Kerngebiet des Klosters der Gemarkungen Thalfingen und Oberelchingen hat sich nordwestlich und nördlich der Donau in der Landesgrenze zwischen Baden-Württemberg und Bayern erhalten. Der Grenzverlauf führt auch durch die Gaststube der heutigen Raststätte Seligweiler hindurch, der Bodenbelag ist eigens markiert.

Erhalten haben sich aus dem Gebiet zwischen Ober- und Unterelchingen unter anderem zwei Steine, jeweils mit Abtstab über dem E (Elchingen) auf der einen und Abtstab über einem S (Salem) auf der anderen Seite. All dies sind die letzten Überreste der ehemaligen Vielfalt kleiner, selbständiger Territorien.


Peter Wischenbarth

Die Mohrin im Wappen des Landkreises Neu-Ulm - Eine kritische Betrachtung

In einer heraldisch-geschichtlichen Untersuchung wird das Thema der Mohrin im Landkreiswappen beziehungsweise bei den Grafen von Kirchberg kritisch aufgegriffen.

Über eine Analyse der Wappensymbole für den Zeitraum vom 11. bis 18. Jahrhundert wird die Darstellung einer Frauengestalt im Besonderen berücksichtigt. Von zentraler Aussagekraft ist die vermehrte dunkle Hautfarbe der Wappenfigur. Sie führte schon bald nach Absterben des Kirchberger Herrschergeschlechts zur Benennung als „Mohrin“. Selbst bei der Wappenbeschreibung des Wappens für den Landkreis Neu-Ulm im Jahre 1966 wurde diese Benennung mit übernommen und findet sich nun in jüngster Zeit inmitten der allgemeinen Mohrendiskussion.

Die Untersuchungsergebnisse zeigen auf, dass es sich bei der Wappenfigur um die Jungfrau Maria handelt und auch die verschiedenen Ausgestaltungen der Kirchberger Siegel und Wappen immer in engem Bezug zur Marienverehrung stehen und somit für die Grafenherrschaft eine tief religiöse Bindung verraten. Selbst die dunkle Kolorierung der Wappenfrau könnte hierauf zurückzuführen sein oder ist schlichtweg nur eine heraldisch durchaus erlaubte Spielversion.

Sicherlich handelt es sich aber nicht um eine Mohrin, weswegen diese spektakuläre Benennung seit der Renaissancezeit als völlig falsch zu bewerten ist und bis heute sozusagen als „Folgefehler“ übernommen wurde. Die Jungfrau Maria läuft seit dem 11. Jahrhundert konsequent als zentrale Figur des Kirchberger Wappens der Hauptlinie durch. Nebenlinien des Geschlechtes hatten abgewandelte oder gänzlich andere Wappendarstellungen.

In Bezug auf die derzeitig völlig überzogene Mohrendiskussion ist festzuhalten, dass die „Mohrin“ im Wappen des Landkreises auf keinen Fall eine Mohrin darstellt und deswegen auch nicht über eine Abänderung des Wappens nachgedacht werden darf. Bei den Mohrendiskussionen sollte sowieso dringend zwischen politischer und geschichtlicher Betrachtung des Mohren unterschieden werden.


Jeannette Wischenbarth

Wissenswertes über die katholischen Kirchen in Vöhringen

Als Vöhringer Bürgerin erfährt die Autorin unter anderem auch bei Gesprächen mit der Bevölkerung immer wieder ortsgeschichtlich Interessantes. Diesem Repertoire entstammen auch die hier vorgestellten Dinge der Vöhringer Kirchen.

Nach dem Kunsthistoriker Heinrich Habel gilt als ältester Teil der Vöhringer Marienkirche das Turmerdgeschoss, aufgebaut aus Kalksteinquadern. Es dürfte ins 13. Jahrhundert datieren. Der weitere Turmaufbau war dann ursprünglich in unverputzter Ziegelbauweise ausgeführt. Allgemein beginnt in Deutschland der Backsteinbau im 12. Jahrhundert. Mit seinen architektonischen Verzierungselementen und der Sichtziegelbauweise stellte somit die Marienkirche einst im alten Landkreis Illertissen sogar die schönste Kirche dar. Der Sichtziegelturm erhielt dann in den 1970er-Jahren leider einen Farbanstrich und verlor dadurch seine Originalität.

Habel datierte den Turmaufbau „um 1500“. Aus einer kleinen und recht unauffälligen Zeitungsnachricht vom Jahre 1959 erfährt man jedoch, dass damals der hölzerne Glockenstuhl der Kirche ausgebaut und durch eine eiserne Konstruktion ersetzt wurde. In einem der alten Hölzer fand man die Einritzung der Jahreszahl „1338“. Damit kann man nun mit Sicherheit den Turmbau durch den jetzt vorliegenden terminus ante quem in die frühe Spätgotik datieren. Leider schenkte man offenbar in der Kirchenverwaltung dem doch sehr wertvollen Holzbalkenfund wenig Interesse. Das Stück wanderte, nach Angabe der Zeitungsmeldung, in einen „neuen Kirchenkeller“. Heute gilt der Fund als verschollen.

Die Marienkirche besitzt außerdem noch ein allgemein wenig beachtetes Kleinod, welches gut sichtbar an der Ostflanke des Turmes aufgemalt ist. Es ist ein Fresko des Vöhringer Malers Oskar Ficker und mahnt mit seiner Umschrift an die Todesstunde eines jeden.

Auch die erst 1914 erbaute Michaelskirche birgt ein historisches Zeugnis. Innen im oberen Kirchturm befindet sich eine Mauernische mit einem Eisengitter, auf welchem „1945“ steht. Die in dem Hohlraum stehenden Granatteile erinnern nämlich an den amerikanischen Beschuss der Kirche im April 1945.


Anton Aubele

Die ehemaligen Klöster Elchingen und Roggenburg. Ein Blick auf ihr nachbarliches
Verhältnis im 18. Jahrhundert

Die Beschäftigung mit der Klostergeschichte von Elchingen hat die Aufmerksamkeit des Verfassers verschiedentlich auch auf das Nachbarkloster Roggenburg gelenkt. Im heutigen Gebiet des Landkreises Neu-Ulm bildeten die beiden Prälatenklöster früher jeweils ein wichtiges religiöses, politisches und kulturelles Zentrum, das das Leben in ihren Klosterstaaten und darüber hinaus prägte. Die Beziehungen zwischen den Benediktinern in Elchingen und den Prämonstratensern in Roggenburg waren durch Freundschaft und gegenseitige Hilfsbereitschaft gekennzeichnet. Diese betreffen den Schul- und Bildungsbereich, den Austausch von Predigern bei besonderen Anlässen und regelmäßige gegenseitige Besuche. Einige Beispiele aus dem 18. Jahrhundert belegen das gute nachbarliche Verhältnis.


Klara Aubele

Die Rolle von Kräutern und anderen Gewächsen für das Kloster Elchingen

Obwohl Kräuter in der Klostermedizin, so auch in Elchingen, eine wichtige Rolle gespielt haben, erfahren wir darüber nur wenig. Der Aufsatz beschäftigt sich mit einer kurzen überlieferten Zusammenstellung der „Kräuter und Gewächse, so allhier an der Donau einheimisch wachsen und auswerts als eine waar gesucht […] sind“. Darin erwähnt werden lediglich zehn Heilkräuter und Gewächse und die Orte, wo diese um das Kloster herum wachsen. Über die Verwendung der Pflanzen wird allerdings kaum etwas gesagt, deshalb wird deren früherer Einsatz als Heilkräuter oder zu anderen Zwecken allgemein erläutert. Ergänzt wird der Text um eine zeitgenössische Karte mit der Einzeichnung der ungefähren Fundorte dieser Pflanzen.


Ralph Manhalter

Eine Stele für die Gefallenen zur Ehre und den Hinterbliebenen zur Mahnung

Die Weimarer Republik ließ eine Vielzahl von Motiven und Formen bei der Konzeption ihrer Gefallenendenkmäler zu. Die Auftraggeber entschieden in aller Regel über die plastische Gestaltung der Ehrenmale und somit ihrer intendierten Botschaft an die Betrachter. Oftmals war es jedoch ein langer Prozess, den ein projektiertes Denkmal bis zur Errichtung zu durchlaufen hatte. Viele verschiedene, auch mitunter stark divergierende Positionen galt es zu berücksichtigen um dann - im idealen Fall - zu einem gemeinsamen Kompromiss zu finden.

Im Fokus der Untersuchung steht das Ehrenmal Edwin Scharffs in Neu-Ulm. Hier existierten im Vergleich zu anderen Orten diese auseinandertriftenden Kräfte nicht in dem Maße, dass dadurch das Projekt eines Gefallenendenkmals eine wesentliche Verzögerung erfuhr. Zwar beanspruchte der Planungsprozess mehrere Jahre, dies war jedoch in erster Linie der Motivsuche geschuldet, welche einen deutlichen Gesinnungswandel weg von waffenstrotzender Verteidigungsdemonstration hin zu einer Manifestierung von Trauer darstellt. Hierbei wurden die Entwürfe Scharffs gesichtet und im Konsens mit vergleichbaren Werken anderer renommierter Künstler einer zeitgenössischen Bewertung unterzogen.


Ralph Manhalter

Von Altenstadt in die Vernichtung – Der letzte Weg der deportierten Juden aus der Marktgemeinde

Altenstadt beherbergte bis in die Zeit des Nationalsozialismus die größte Ansiedlung von Juden im heutigen Landkreis Neu-Ulm. Die zuletzt noch verbliebenen Einwohner jüdischen Glaubens wurden 1942 im Rahmen der Beschlüsse der sogenannten Wannseekonferenz in ihren Häusern verhaftet und in Vernichtungslager deportiert.

Diesen Weg versuche ich anhand von verfügbaren Dokumentationslisten so weit wie möglich nachzuzeichnen. Die Auflistung der Transporte erscheint dabei systematisch und durchorganisiert, wobei es gerade diese Akribie ist, welche heute noch befremdet. Die Skizzierung des Leidensweges kann jedoch leider bis auf eine Person nicht zu Ende geführt werden. Der allerletzte Gang verbleibt somit lediglich als Mutmaßung.


Monika Kolb

Die Ausschaltung der kommunalen Selbstverwaltung in Vöhringen im Nationalsozialismus und der politische Neubeginn ab 1945

Am 27. Januar 1946 fanden in Vöhringen, wie in allen Gemeinden Bayerns unter 20 000 Einwohnern, die ersten demokratischen Kommunalwahlen seit 1929 statt. Im Jahr 2021 jährt sich dieses Ereignis zum 75. Mal, was den Anlass dazu gab, zum einen den Blick auf den politischen Neubeginn in Vöhringen nach 1945 zu werfen, zum anderen aber auch einen Blick zurück auf die Jahre zwischen 1933 und 1935 zu richten. In diesem Zeitraum wurden die letzten Reste der Demokratie beseitigt und der nationalsozialistische Einparteienstaat ohne nennenswerten Widerstand errichtet.

Besonders anschaulich wird diese Entwicklung anhand der Ergebnisse der Vöhringer Gemeindewahlen, einer Gemeinde, die sich seit der Ansiedlung der Wieland-Werke im Jahr 1864 und durch den Zuzug von Arbeitern zu einer „Arbeitergemeinde“ entwickelt hatte. Seit 1924 gehörten in Vöhringen fünf beziehungsweise vier Räte des insgesamt zwölf Mitglieder zählenden Gemeinderates der Sozialdemokratischen Partei (SPD) an. Dies brachte der Gemeinde Vöhringen im ländlich geprägten Landkreis Illertissen schon damals den Ruf einer „roten“ Gemeinde ein.

Als die Nationalsozialisten im Jahr 1933 an die Macht kamen, wurde nach dem „Gleichschaltungsgesetz“ vom 31. März 1933 unter anderem auch der Gemeinderat aufgelöst. Nach dessen Neubildung am 24. April 1933 erhielten in Vöhringen noch sechs Vertreter der NSDAP und vier Vertreter der Bayerischen Volkspartei (BVP) einen Sitz im Gemeinderat. Die SPD hatte zu dieser Wahl, die im eigentlichen Sinne schon keine demokratische Wahl mehr war, erst keinen Wahlvorschlag mehr eingereicht. Bereits im Juli 1933 sahen sich die vier Vertreter der BVP gezwungen zurückzutreten, womit sich künftig der Gemeinderat nur noch aus Mitgliedern der NSDAP zusammensetzte.

Nach dem Zweiten Weltkrieg knüpften die Vöhringer Wählerinnen und Wähler an ihre „rote“ Tradition an. Bei der Gemeinderatswahl vom 27. Januar 1946 erhielt die SPD fünf Sitze, die CSU drei und die KPD ebenfalls drei Sitze. Mit dazu beigetragen, dass Vöhringen den Beinamen „rote Zelle“ erhielt, hat sicherlich auch der Umstand, dass Josef Dürr, der bei der Gemeinderatswahl auf der Liste der Kommunistischen Partei kandidiert hatte, 1946 vom neuen Gemeinderat zum Bürgermeister gewählt worden war. Dürrs Persönlichkeit und seine beachtlichen Verdienste in dieser schwierigen Zeit hatten die Vöhringer Bürger überzeugt, so dass er auch bei den Bürgermeisterwahlen 1948, 1952, 1956 und 1960 stets den größten Stimmenanteil erringen konnte.

© Martina Plaschke E-Mail

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